Berthold Brecht: Entdeckung an einer jungen Frau

Berthold Brecht (1898 – 1956)

Entdeckung an einer jungen Frau

Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
Da sah ich: eine Strähne in ihrem Haar war grau
Ich konnt mich nicht entschliessen mehr zu gehen.

Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte:

Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nütze deine Zeit, das ist das Schlimme
Dass du so zwischen Tür und Angel stehst.

Und lass uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergassen, dass du vergehst.
Und es verschlug Begierde ir die Stimme.

(1929)

___

Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man älter wird oder wenn man liebt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s