Theodor Fontane: Rückblick

Es geht zu End’, und ich blicke zurück.
Wie war mein Leben? wie war mein Glück?

Ich saß und machte meine Schuh’;
Unter Lob und Tadel sah man mir zu.

„Du dichtest, das ist das Wichtigste…“
„‚Du dichtest, das ist das Nichtigste.‘“

„Wenn Dichtung uns nicht zum Himmel trüge…“
„‚Phantastereien, Unsinn, Lüge.‘“

„Göttlicher Funke, Prometheusfeuer…“
„‚Zirpende Grille, leere Scheuer.‘“

Von hundert geliebt, von tausend mißacht’t,
So hab’ ich meine Tage verbracht.

1895 schreibt Theodor Fontane dieses Gedicht. Er blickt auf 76 Jahre zurück, davon 46 Jahre als Schriftsteller. 1849 hatte er beschlossen, den Apothekerberuf aufzugeben, um ganz als freier Schriftsteller zu leben. Es waren nicht nur einfache Jahre, vor allem am Anfang waren er und seine Familie von finanziellen Sorgen geplagt. Manch einer wird ihm wohl gesagt haben, er hätte den falschen Schritt gewagt, manch einer sein Schreiben belächelt haben – und auch er selber zweifelte ab und an, meinte gar, nicht wirklich schreiben zu können. Zum Glück hat er nicht auf die anderen und eigenen Stimmen gehört.

1892 erkrankte Fontane an einer Gehirnischämie, worauf ihm der Arzt riet, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Auch entstanden in der Zeit einige seiner wundervollsten Werke, wie zum Beispiel Effi Briest, sowie auch die autobiografische Schrift Von Zwanzig bis Dreissig. Die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit war also in diesen Jahren Programm.

So schaut das lyrische Ich also zurück, zieht quasi Bilanz. Es fragt nach seinem Leben, nach seinem Glück. Es sieht, wie es – ganz Schuster, der bei seinen Leisten blieb – tat, was ihm gegeben war. Es sieht auf die anderen, welche über es urteilten, mal positiv, mal negativ. Auch den Stellenwert der Dichtung bezieht es mit ein in seinen Rückblick: für die einen wichtig, für die anderen Unsinn. Und so kommt es zum Schluss, dass es wohl von weniger Menschen geliebt wurde als missachtet. Und doch: Wenn wir an den Anfang zurück gehen, sehen wir es: Da fragt das Ich nach dem Leben und nach dem Glück – es muss also ein solches gewesen sein.

Es gibt im Leben immer andere, die sich herausnehmen, sich ein Urteil zu bilden und dieses als alleinige Wahrheit zu verkaufen. Da steht man dann und sieht sich auf sich selber zurückgeworfen, hinterfragt das eigene Tun, Zweifel kommen auf. Man es den anderen recht machen, nur: Wenn man das tut, kommen wieder andere, die wieder andere Wahrheiten verkünden. Allen wird man nie gerecht.

Es ist wohl richtig und wichtig, sich zu hinterfragen. Schlussendlich kann man nur seinen Weg gehen. Es gibt Menschen, die begleiten einen, andere ziehen weiter. Das ist das Leben. Und: Man stelle sich vor, Theodor Fontane hätte auf die kritischen und abwertenden Stimmen gehört und das Schreiben eingestellt. Nie hätten wir mit Effi Briest mitgelitten, nie seine Gedichte zu Gesicht bekommen. Auch dieses hier nicht.

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