Hugo von Hofmannsthal: Was ist die Welt?

Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süss-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein.

Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

(1890)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man wissen will, wie man leben soll

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt mit eigenen Gedanken und Werten und Einstellungen. Wir drehen als Menschen oft in diesem eigenen Kreis und erachten ihn als einzig wahren und richtigen. Dabei vergessen wir gerne, dass wir Teil der grossen, einen Welt sind, aus der wir kommen und wohin wir auch wieder gehen. Es gäbe uns nicht ohne sie und auch nicht ohne all die anderen, die genauso Teil der einen Welt sind wie wir. Wenn jeder Mensch akzeptieren könnte, dass die Menschen um ihn genauso wie er kleine Welten für sich sind, dabei aber Teil der einen – die, wie Leibniz sagte, die beste alles Welten sei – wäre die Welt ein friedlicherer Ort.

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