Rainer Maria Rilke: Römische Fontäne

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Römische Fontäne

Borghese

Zwei Becken, eins das andre übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.
(1906)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht darüber, wie das Leben ist, wie man es angehen kann

Dieses Sonett symbolisiert schön den Gang des Lebens; es ist nichts Reisserisches in dem Gedicht , nicht mal etwas Fliessendes. Es geht nur eins ins nächste über. Schale um Schale füllt sich, gibt ab an die nächste. Hier drückt Rilkes Bild vom „Leben in wachsenden Ringen“ durch, die wir durchleben bis irgendwann der letzte anbricht. Und auch den will man versuchen, wie man das Leben immer wieder versuchen, auskosten will und soll im Hier und Jetzt – ohne Wehmut über das Vergangene, mit einem Lächeln über das heute.

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2 Kommentare zu „Rainer Maria Rilke: Römische Fontäne

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