Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Ich fürchte mich so

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(1898)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht darüber, wie man das Leben angehen kann

Rilke warnt. Er warnt vor Menschen, die nur noch über die Dinge reden, sie dabei nicht sehen. Er warnt vor dem Glauben an und Denken in Begriffen, ohne noch wirklich hinzusehen. Er warnt vor der vermeintlichen Allwissenheit, mit welcher manche dann in die Welt ziehen und diese missionieren wollen. Und er ruft auf, wieder hinzusehen, hinzuhören, das Wunder der Natur zu erkennen und zu staunen. Ganz ohne Worte.

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3 Kommentare zu „Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so

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