Franz Grillparzer: Kuss

Franz Grillparzer (1791 – 1872)

Kuss

Auf die Hände küsst die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel’ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschlossne Aug’ die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Üb’rall sonst hin Raserei!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Ein kleines, wie es scheint fast schon banales Gedicht, das offensichtlich vom Küssen handelt. Und doch steckt mehr drin. Es geht auch drum, dass es für jede Situation das passende Mittel gibt, dass es eine angemessene Art zu handeln und zu reagieren gibt. Das hat wenig mit sturen Regeln zu tun, sondern auch damit, verhältnismässig zu bleiben. Das gilt beim Küssen, viel mehr noch aber beispielsweise beim Streit: wie oft schiessen wir in der Raserei übers Ziel hinaus, verwenden Worte, die wir später bereuen? Vielleicht hätten wir besser die Hände des Gegenübers geküsst, uns dann ruhig hingesetzt, um zu reden. Dann wäre am Schluss ein Kuss auf die Stirn und nicht eingeschlagene Köpfe möglich geblieben- und wer weiss, was noch.

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