Bilden statt ausbilden

Kinder kriegen Depressionen, Lehrer Burnouts. Kinder hassen die Schule, Lehrer denken am Sonntag Abend mit Bauchweh daran, am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Dabei ist es im heutigen Schulsystem so einfach: Es gibt einen Lehrplan, an den hat sich der Lehrer zu halten, und der Schüler muss die darin enthaltenen Punkte nach Vorgabe und in der dafür vorgesehenen Zeit abarbeiten, dabei die als solche bestimmten genügenden Bewertungen erhalten. Tun sie das nicht, werden sie vom Lehrer abgemahnt, im System zurück gestellt, von den Eltern gescholten. Hätten sie sich bloss mal mehr angestrengt und ins System gepasst. Es wäre so einfach!

Nur: Wenn es so einfach ist, wo also liegt das Problem? Wieso leiden Kinder und Lehrer? Welche Rolle spielen die Eltern? Welche Rolle spielen alle in diesem Schulsystem und wer hat diese Rollen definiert? Nach welcher Massgabe?

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen. Es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben.

Mein Sohn fragte mich mal, als er noch klein war, wieso ein Maurer weniger verdient als ein Architekt. Schlussendlich könnten wir nur in einem Haus wohnen, weil ein Maurer die Mauern hingestellt habe. Es seien doch also beide wichtig, um ein Haus zu bauen.

Wir leben in einem System, in dem das nicht so gesehen wird. Der Architekt, der das Haus zeichnet, verdient mehr, als der Bauleiter, welcher den Bau desselben überwacht. Dieser verdient wiederum mehr als der Maurer, der Stein auf Stein legt. Und alle verdienen sie wohl meist weniger als der Banker, der darüber entscheidet, ob Geld für den Bau fliessen darf oder nicht. Und: Geld ist wichtig. Und es zählt was. Darum ist so wirklich toll nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können.

Wer also was sein will in dieser Welt, sollte sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss dazu Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst (bei Platon begänne da die Schulbildung erst. Nur, wer das in sich aufgenommen hat, kommt weiter auf dem Bildungsweg. Doch das ist eine andere Geschichte und die hat in diesem Artikel keinen Platz.), die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.

 

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14 Kommentare zu „Bilden statt ausbilden

  1. Guten Morgen Sandra
    Warum sollten die, die dieses System mit geschaffen haben, etwas daran ändern wollen?Schule ist nur in zweiter Reihe dazu da, Arbeitssklaven zu schaffen. Erste Priorität ist es die Kinder zu brechen. Sie zu gehorsam Bürger zu machen. Diese sinnlose stundenlange Lehren, dient dazu abzustumpfen. Zu lernen gehorsam zu sein. Für die Staatsführung wäre es der tot, kämen lauter individuelle Freigeister aus den Klassenzimmer. Kann sich ja jeder mal selbst fragen, was er noch an Schulwisssen besitzt. Muss man dazu so viele Jahre in einem Klassenzimmer sitzen? Und warum der ganze Stress. Wenn schon so viel „Wissen“ in die Köpfe der Kinder muss, warum dann nicht Schule vom 8 bis zu 20 Lebensjahr?Mittelschule.Andere entsprechend länger. Geht natürlich nicht. Die Sklaven sollen ja schnell produktiv sein für die Herrschaften mit den Aktien. Es geht ja nicht einmal mehr um Steuern. Es geht darum die Großaktionäre mit Geld zu versorgen. Es ist ein Trauerspiel, dessen Höhepunkt noch nicht in Sicht ist.
    Lg Robert

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  2. Guten Morgen Sunny! Ich habe mir schon zu Schulzeiten deine Fragen gestellt. Nicht mit den Philosophen und Denkern der Geschichte als Hintergrund, aber die Sinnhaftigkeit der vielen auswendig gelernten Informationen (von denen sich einige später als falsch herausstellten), wollte sich mir nie erschließen. Ich hatte mir immer mehr Bezug zu echten Leben gewünscht, zumal wir zu Hause ebenfalls noch dem Lerndiktat einer humanistischen Erziehung ausgeliefert waren. Ich bin der König des unnützen Wissens und sicher eine Bereicherung für jede Wissensshow, nur verdient man damit keine Brötchen (außer man löst die 1 Million Euro Frage). Wenn ich Politiker auf unser veraltetes Bildungssystem hinweise, kontern diese immer mit solchen Sätzen wie, „Es gibt viel mehr Studierende, als jemals zuvor“ oder aber, „Es können nicht alle studieren, denn wir benötigen auch Arbeiter und normale Angestellte.“ Das ist natürlich hochgradig kurzsichtig, denn die Wirtschaft und das Geld haben keinerlei Interessen an Menschen, im Gegenteil. Jeder Mensch bedeutet ein Risiko und erhebliche Kosten, die den Gewinn schmälern. Ergo wird der Faktor der menschlichen Arbeit so klein wie möglich gemacht oder mindestens verlagert. Wir benötigen also dringend gut ausgebildete Menschen, welche jedoch nicht erstmals mit dem harten Leben der Arbeit zu haben sollten, wenn diese das Studium beendet haben, sondern dies muss bereits vom ersten Schuljahr an geschehen und ja, 6 Jahre finde ich zu jung, um mit dem systematischen Lernen zu beginnen. Da sollte Wissen spielerisch vermittelt werden, mit einem direkten Bezug auf das Leben. Aber wer hört schon auf uns, wenn doch alles so läuft, wie es eben läuft. Den Pioniergeist unserer Vorväter versucht die Schule immer weiter abzuschaffen, so, dass es schon TV Sendungen benötigt, um den Erfindergeist (deren, die diesen noch in sich spüren) in bare Münze umzulenken. Auch deshalb bin ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, auch wenn ich dieses befristen würde, auf etwa 5 Jahre.

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    1. Das Schulsystem ist ein sich selber fütterndes, weil die, welche darin bestimmen, kein Interesse haben, dass es sich gross ändert – das wäre zu unbequem. Und so bilden sie Nachfolger heran, die es dann wieder gleich sehen und halten.

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  3. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag!!! Es ist so eine Vergeudung, was unser Bildungssystem mit unseren Kindern macht. Jedes Kind hat eine besondere Veranlagung. Diese Talente sollten in den Schulen gefördert werden, nichts anderes. So würde eine Gesellschaft aus unterschiedlichen, kreativen Köpfen entstehen.Die „Veranlagungen“, jedes Einzelnen,werden gebündelt zu etwas Großem. Nicht, um denen noch mehr Geld in die Tasche zu stopfen, die sowieso schon genug haben – sondern um eine vielfältige Gesellschaft zu kreieren und Arbeit gerecht vergütet wird.
    LG Tete

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    1. Die Gleichschaltung von Individuen, welche nur dahin zielt, blinden Gehorsam und Eingliederung in vorgefertigte Massstäbe zu erreichen, ist eine Gefahr für ganz vieles: Zuerst für die Kinderseelen, dann für die Gemeinschaft, schlussendlich auch für Werte, die wir eigentlich hoch halten.

      Liebe Grüsse, Sandra

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  4. Bei dem noch heute weit verbreiteten Frontalunterricht in den Schulen wird immer noch Wissen und Information verwechselt. Zum Wissen gehört in erster Linie die eigene Erfahrung dazu. „333 – bei Issus Keilerei“ bleibt in erster Linie eine Information und stellt nicht per se gleich Wissen dar.

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  5. Hallo Sandra,

    ehrlich gesagt habe ich Deine Seite und auch diesen Artikel nur überflogen, glaube aber, Deine Kernaussage herausgelesen zu haben (und bin mir sicher, Deine Texte bei Gelegenheit näher zu studieren).

    Bitte dieses Video anschauen von Ken Robinson darüber, dass Schule Kreativität erstickt, womit – um im Thema zu bleiben – eine Wertschätzung von konformistischem und technokratischen Denken einhergeht:

    Beste Grüße

    Lion Logert von http://www.lionlogert.com

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    1. Danke Lion für deinen Kommentar. Ich schaue mir das Video gerne an, auch deine Seite.

      Schön wäre es ja, die Gedanken weiterspinnen zu können und was zu bewirken. Aktuell fällt der Schulbetrieb ja einem System zum Opfer, das sich selber erhalten will, das in den Auswüchsen offensichtlich krankhaft ist (ich könnte das ausführen, natürlich, das würde aber einen Kommentar hier sprengen an Umfang), das aber (ökonomisch) doch noch mehrheitlich funktioniert. Statt hinzusehen, was falsch läuft – und es zeigt sich genug -, versucht man, mit unglaublich viel Energie und Aufwand, etwas am Laufen zu halten.

      Liebe Grüsse
      Sandra

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  6. Hallo Sandra,

    es freut mich, wenn die Inhalte Dein Interesse wecken.

    Der Status Quo ist eine mächtige Instanz. Das menschliche Gehirn ist darauf geeicht, einen bestehenden Zustand zu erhalten, den es als funktionierend einordnet. Dabei kann ‚funktionierend‘ denkbar niedrig angesetzt sein, es geht letztlich nur um das Überleben. Seit langem überholte Strukturen bleiben.

    Was das Bewirken angeht sei erinnert an den Satz – The secret of change is to focus all of your energy, not on fighting the old, but on building the new. (Urheber mir nicht bekannt) Bisweilen verfängt sich der Mensch in Kampf und Kritik. Diese bilden schließlich eine einfache Beschäftigung; es ist leicht, gegen etwas zu sein. Initiative und Einfallsreichtum aufzubringen für den Aufbau des Neuen (und sich damit einer Menge Kritik auszusetzen) – das ist eine völlig andere Geschichte.

    Eine schöne Diskussion, möchte ich sagen.

    Noch ein schönes Wochenende

    Lion

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