Begleiten statt helfen

„Die Lage eines Menschen ändern, bessern wollen, heißt, ihm für Schwierigkeiten, in denen er geübt und erfahren ist, andere Schwierigkeiten anbieten, die ihn vielleicht noch ratloser finden.“
(Rainer Maria Rilke)

Das Leben ist nicht immer leicht, oft leiden wir. Ab und an denken auch andere, so wie unser Leben laufe, könne es nicht gut und richtig sein. Und sie wollen helfen. Sie wollen uns helfen, unser Leben zu ändern.

Dabei gehen einige Dinge vergessen:

  • Was wir im Leben anderer Menschen nicht gut finden, ist für uns nicht gut, für sie nicht zwingend
  • Was wir am Leben anderer Menschen ändern, müssen die dann leben, wir leben weiter unser Leben
  • Nur weil es schwer ist, heisst es nicht, dass es geändert werden muss – schon gar nicht von aussen

Wenn also ein Mensch sein Leben als schwer empfindet, braucht er keinen, der kommt und die Führung übernimmt aus einem inneren Empfinden, er wisse, wie es gehe. Menschen haben Wege und sie sollen sie selber gehen. Ab und an stehen sie dabei vielleicht an, haben Fragen, finden keine Antworten. Dann kann es helfen, ins Gespräch zu kommen, neue Perspektiven zu diskutieren, Möglichkeiten auf den Tisch zu bringen, die im Dialog entstehen. Unter all diesen findet sich vielleicht eine, die passt – für den individuellen Weg eines Menschen, von tief innen heraus, nicht von aussen übergestülpt, als Therapie-Resultat verordnet.

Nur weil Dinge mal schwer sind, ist der Mensch nicht per se krank. Er muss nicht an die Hand genommen und geführt werden, sondern soll und darf seine Autonomie behalten. Was er brauchen kann, sind neue Sichtweisen, ist eine Begleitung, ein Austausch auf Augenhöhe.

Rilke sagte in einem Gedicht:

„Du musst dein Leben ändern.“*

Das kann man immer nur selbst. Und immer nur auf eigenen Wegen, Wegen, die für einen selber passen. Man kann begleitet werden, sich über den richtigen Weg auszutauschen, um über den Dialog neue Erkenntnisse zu gewinnen, ist sogar wichtig, aber: Gehen muss man den Weg selber.

______

* Archäischer Torso Apollos, Gedicht von Rainer Maria Rilke, geschrieben 1908 in Paris

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2 Kommentare zu „Begleiten statt helfen

  1. Man muss vielleicht auch unterscheiden zwischen „einen Menschen ändern, bessern wollen“ und einen Menschen verstehend begleiten dürfen. Und auch dann kann der Moment kommen, wo plötzlich alles anders ist und dieser Mensch seinen Weg allein weiter gehen will.

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