Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

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8 Kommentare zu „Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

  1. Guten Morgen Sunny! Leider hat sich unsere Methode Wissen zu vermitteln in den letzten 100 Jahren kaum geändert. Im Grunde genommen verhalten wir uns bereits wie Insekten, die versuchen, sich über eine schnelle Geburtenrate den dauernden kurzfristigen Veränderungen ihrer Umwelt anzupassen. Dabei bleiben reichlich Menschen weltweit auf der Strecke. Wenn ich von meiner Jugend erzähle, klingt es für junge Menschen, als ob ich von einem anderen Planeten berichten würde, einzig Musik scheint da noch eine kleine Konstante zu sein, da diese regelmäßig repliziert wird. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Verantwortlichen über diese Sachverhalte bescheid wissen, aber doch lieber einschätzbare Zahnräder produzieren lassen, denn welche Machthaber, ob politisch oder gesellschaftlich, will schon frei denkende und handelnde Menschen frei rumlaufen haben? Entspricht ma nicht der Norm, ist man als Kind „verhaltensauffällig“ und später ein „Querulant“ und damit ist ein Leben bereits vorgezeichnet, es sei denn, jener Mensch kommt zu Erfolg und Ansehen. Dann werden seine Eigenschaften wieder der liberalen Gesellschaft zugeschrieben, die es ja nicht wirklich gibt. Ich werde eine Besserung unseres Systems sicher nicht mehr erleben, aber das ist ja auch nicht gewollt.

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  2. Ich sehe das etwas durch die marxistische Brille:
    Der Wechsel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit brachte einen Paradigma-Wechsel vom Allgemeingut (Alles gehört Allen) zum individuellen und staatlichen Besitz. Es wurden dann Strukturen benötigt/gebildet, diesen Besitz zu verteidigen und zu vermehren. Die Besitzenden wurden sich mehr und mehr ihrer Macht bewusst. Verschiedenen Machtstrukturen und Machtbereiche bildeten sich. Wettbewerb untereinander entfachte sich, damit Neid, Hass und Gewalt.

    Es ging nicht mehr nur um Selbstversorgung, sondern über den Handel zum Tausch/Verkauf von Gütern. Abhängigkeiten wurden geschaffen: Herren und Diener/Arbeiter. Ausbeutung von Ressourcen und von Dritten übernahm das Denken und formte die Strukturen so um, dass sie langfristig erhalten werden konnten, bis in unsere heutige Zeit.

    So lernen wir auch heute immer noch an erster Stelle das Wohlverhalten gegenüber Staat und Arbeitgebern und auch den Eltern gegenüber, damit auch diese bei der „Erfüllung“ ihrer Arbeit nicht gestört werden.
    Und in der „großen“ Politik werden ebenfalls weiterhin Abhängigkeiten geschaffen/erhalten/brutal weiter verfolgt.

    Arno hat wohl recht, wenn wir da keine Umkehr des Denkens mehr erleben werden.

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      1. In unseren Breitengraden haben wir oft ganz viele Institutionen, die verhindern, dass sich was ändert. Weil an den entsprechenden Stellen solche sitzen, die genau das vorherrschende System festigen wollen, weil sie selber davon profitieren. Aber ja: Im Kleinen kann man was ändern, es gibt Möglichkeiten – grundsätzlich.

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  3. Etwas „tröstliches“ gibt es: Etliche erfolgreiche Unternehmer sind ehemalige Schulversager oder Schulabbrecher. Zudem gibt es keinerlei Korrelation zwischen Schulerfolg und Lebenserfolg. Ein kleiner Trost – fürwahr – und kein Grund, nicht aktiv an einer Veränderung zu arbeiten; das sind wir den uns anvertrauten Kindern schuldig.
    Das Schlimme für mich ist nicht mal so sehr die Orientierung an der Wirtschaft und der Ökonomie, viel dramatischer ist der Umstand, dass die Schule für sich selber ausbildet und somit ein in sich geschlossenes System bildet. Beispiel: Wenn eine junge Frau Kindergärtnerin werden möchte, muss sie zuerst eine Prüfung in Deutsch, Französisch und Mathematik bestehen. Alle anderen Kompetenzen sind nicht gefragt und niemand kann oder will diesen ausgewachsenen Unsinn korrigieren obwohl die meisten ihn durchaus als solchen sehen.

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    1. Das deckt sich mit dem, was ich bei meinem Kommentar auf Arnos Beitrag meinte: Das Sytsem füttert sich selber dadurch, dass die Entscheidungsträger so sehr vom System profitieren, dass sie es nicht verändern wollen – würden sie doch ihren eigenen Stuhl absägen – oder zumindest müssten sie kreativer denken als in vorgefertigten Schablonen.

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