Werte auf dem Prüfstand

Denkzeiten

„Flüchtlinge sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchlingskomitees angewiesen waren.“[1]

Diese Worte stammen von Hannah Arendt, zum ersten Mal erschienen sie 1943 in der Zeitschrift The Menorah Journal im Aufsatz We Refugees(Wir Flüchtlinge). Auch wenn sie sich in diesem Aufsatz auf die Flucht der Juden aus Deutschland bezieht, hat sich an der Grundproblematik bis heute nichts geändert – das Thema ist aktuell und wird es so lange bleiben, wie irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“[2]

Immer wieder hört man, Flüchtlinge überfluten unsere Länder, sie machen unsere Kultur kaputt, weil sie zu viel von ihrer mitbringen. Die Menschen hier sehen sich in ihrer Identität gefährdet…

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Hans Brinkmann: Rummel

Hans Brinkmann (*1956)

Rummel*

Wir machen den ganzen Rummel mit.
Jeden Tag sind wir hier.
Riesenräder überrollen uns,
auf den Karussells drehen wir durch.
Wie die Schweine und Kleeblätter
haben wir meist kein Glück. Die Schiessbuden
laden uns ein, aufeinander zu feuern,
ehe wir in die Bierzelte laufen,
wo unsre Köpfe im Schaum verschwinden.
Lachend stehen die Rittmeister
an den Kassen der Hippodrome.
Pass doch auf, Junge, wo du hintrittst!
Wie du dich wunderst, lassen sie dich
dafür bezahlen. Nichts ist umsonst.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Das Leben als Rummelplatz, manchmal dreht man im Kreis, manchmal hofft man auf Glück, doch das bleibt aus. Man stösst auf Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, tritt anderen auf die Füsse – und am Schluss kriegen wir die Rechnung, da nichts umsonst ist. Alles ein einziges Trübsal? Nein! Das Gute liegt im Detail. Wir haben nur meist kein Glück, sprich: ab und an haben wir welches. Der Rittmeister lacht, wir können mit ihm lachen, statt über alles zu klagen, nur weil es grad nicht rund läuft. Wir müssen auch nicht auf andere feuern, wir sind nur dazu eingeladen. Es bleibt unsre Wahl, ob wir es tun – nur wenn, dürfen wir uns nicht wundern, wenn andere zurückschiessen. Es bleibt unsere Wahl, wie wir das Leben sehen. Jede Sicht hat ihren Preis, unsere Entscheidung bleibt, was die Währung ist.

*zit. nach „Alle Tage ein Gedicht“, Aufbau Verlag

Franz Grillparzer: Kuss

Franz Grillparzer (1791 – 1872)

Kuss

Auf die Hände küsst die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel’ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschlossne Aug’ die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Üb’rall sonst hin Raserei!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Ein kleines, wie es scheint fast schon banales Gedicht, das offensichtlich vom Küssen handelt. Und doch steckt mehr drin. Es geht auch drum, dass es für jede Situation das passende Mittel gibt, dass es eine angemessene Art zu handeln und zu reagieren gibt. Das hat wenig mit sturen Regeln zu tun, sondern auch damit, verhältnismässig zu bleiben. Das gilt beim Küssen, viel mehr noch aber beispielsweise beim Streit: wie oft schiessen wir in der Raserei übers Ziel hinaus, verwenden Worte, die wir später bereuen? Vielleicht hätten wir besser die Hände des Gegenübers geküsst, uns dann ruhig hingesetzt, um zu reden. Dann wäre am Schluss ein Kuss auf die Stirn und nicht eingeschlagene Köpfe möglich geblieben- und wer weiss, was noch.

Peter Rühmkorf: Ausser der Liebe nichts

Peter Rühmkorf (1829 – 2008)

Ausser der Liebe nichts

Flüchtig gelagert ist dieses mein Gartengeviert,
wo mir der Abend noch nicht aus dem Auge will,
schön ist’s,
hier noch sagen zu können: schön,
wie sich der Himmel verzieht und die Liebe zu Kopf steigt,
all nach soviel Unsinn und Irrfahrt
an ein sesshaftes Herz zu schlagen, du spürst
einen Messerstich tief in der Brust
DIE FREUDE.

Wo nun dieser mein Witz das Land nicht verändert,
mein Mund auf der Stelle spricht,
– hebt sich die Hand und senkt sich für garnichts das Lid –
doch solang ich nun atmund-rauchend-besteh,
solang mich mein Kummer noch rührt
und mein Glück mich noch angeht,
will ich
was uns die Aura am Glimmen hält,
mit langer Zunge loben!

Unnütz in Anmut: Dich,
wo die Nacht schon ihr Tuch wirft
Über dein ungebildetes Fleisch, es kehren
alle Dinge sich ihre endliche Seite zu,
und aus ergiebigem Dunkel rinnt
finstere Fröhlichkeit…
Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn
ausser der Liebe nichts,
was mich hält und mir beukommt.

 

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Es spricht von der Freude, von einem schönen Abend, von der Liebe und ist dabei trotzdem nicht einfach kitschiges Lob auf eine ach so schöne Welt, sondern ein starkes Bild gegen das verbreitete „die Welt ist grausam und schlecht“. Es ist nicht alles gut, Kummer, Unsinn und Irrfahrt werden angetönt, aber an dem Abend ist das Leben schön, die Freude gross (sogar in Majuskeln) und die Liebe hält. Und um diese schönen Momente geht es doch im Leben.

Wilhelm Busch: Kritik des Herzens

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

Kritik des Herzens

Ich wusste, sie ist in der Küchen,
Ich bin ihr leise nachgeschlichen.
Ich wollt’ ihr ew’ge Treue schwören
Und fragen, willst du mir gehören?

Auf einmal aber stutzte ich.
Sie kramte zwischen dem Gewürze;
Dann schneuzte sie und putzte sich
Die Nase mit der Schürze.

(1874)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man unglücklich liebt

Manchmal stellen wir uns die Realität plastisch vor, machen unsere Pläne von unseren Vorstellungen abhängig, nur um dann mit der Realität konfrontiert zu werden – und alles platzt wie eine Seifenblase. Hier verlor die Köchin plötzlich ihren Reiz, weil sie doch nicht so toll war, wie gedacht. Vielleicht ist noch so manche® Angebetete in Tat und Wahrheit nicht so toll, wie man sich das vorstellt, während man darüber weint, dass die eigene Liebe nicht erwidert wird?

Oft ist es auch andersrum: Wir bauschen Risiken und Gefahren auf, malen sie uns in düstersten Farben aus und lähmen uns selber durch immer grösser werdende Ängste, nur um dann zu sehen: Eigentlich ging alles gut, war alles gar nicht so schlimm. So ist es denn besser, das Leben Schritt für Schritt anzugehen und zu schauen, was wirklich ist, statt sich in eigene Vorstellungen zu versteigen.