Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Ich fürchte mich so

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(1898)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht darüber, wie man das Leben angehen kann

Rilke warnt. Er warnt vor Menschen, die nur noch über die Dinge reden, sie dabei nicht sehen. Er warnt vor dem Glauben an und Denken in Begriffen, ohne noch wirklich hinzusehen. Er warnt vor der vermeintlichen Allwissenheit, mit welcher manche dann in die Welt ziehen und diese missionieren wollen. Und er ruft auf, wieder hinzusehen, hinzuhören, das Wunder der Natur zu erkennen und zu staunen. Ganz ohne Worte.

Friedrich Nietzsche: Vom Willen zum Leide

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Vom Willen zum Leide*

Vom Willen zum Leide.
Vom Gesicht zum Räthsel.
Von der Seligkeit wider Willen.
Vor Sonnen-Aufgang.
Von der verkleinernden Tugend.
Vom Vorübergehen.
Das Winterlied.
Von den Abtrünnigen.
Die Heimkehr.
Von den drei Bösen
Vom Geist der Schwere.
Die Beschwörung.
Der Genesende.
Von der grossen Sehnsucht.
Von alten und neuen Tafeln
Und noch ein Mal!
Das andre Tanzlied.
Vom Ring der Ringe.

(Ende 1883)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn das Leben mal schwierig ist.

Ist es ein Gedicht? Oder doch nur die Disposition zum Zarathustra, in welchem Nietzsche in hymnischer Prosa über den Denker Zarathustra schreibt und diesem eigentlich die eigene Philosophie in den Mund legt, im Glauben, die zeitgenössische Leserschaft sei dem Werk nicht gewachsen, weswegen er es auch ein Buch für Alle und Keinen nennt? Ist es beides?

Zarathustra propagiert den Übermenschen, den Menschen, der über sich hinauswächst. Es soll ein schaffender Mensche sein, einer, der sich liebt und sich nicht verknechten lässt. Es soll ein Mensch sein, der das Leben liebt und den eigenen Fähigkeiten vertraut – und sie einsetzt in der Tat. Der Mensch soll seinem eigenen Willen gehorchen, nicht dem eines anderen. Er soll sich nicht unterwerfen lassen und selber Verantwortung übernehmen. Er soll mit Mut durchs Leben gehen.

Und wie einer dahin kommt, was es bedeutet, ein solcher Mensch zu sein, das verkündet Zarathustra und das lässt sich auch aus dieser Disposition rauslesen, die durchaus einen zugrundeliegenden Rhythmus hat. Sie beschreibt das Leben, mit allem, was es mit sich bringt: Leid, Rätsel, Seligkeit und Sehnsucht. Es gibt Böses und Schweres, Altes und Neues, einige gehen, andere kommen heim. Nur, wenn man all das annimmt, den Willen hat, es zu tragen, wie es kommt, dann wird man zu dem Menschen, der über sich hinauswächst, der das Leben meistert mit all seinen Hindernissen.

*zit. nach Friedrich Nietzsche: Nachlass 1882 – 1884, Kritische Studienausgabe Band 10

Mario Wirz: Seiltänzer

Mario Wirz (*1956)

Seiltänzer*
Für Philippe Petit

Für diese Stunde
schreibe ich mich
in die Luft
sicher
dass auch Gott
mein Gedicht liest
tanze ich
mit dem Tod
hoch über der Erde
ist er mir verfallen
in dieser Stunde
bin ich unsterblich

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Es gibt diese Momente, wenn wir genau das tun, was wir tun wollen, wenn wir ganz bei uns sind. Wir werden eins mit allem um uns, merken nicht mehr, wie die Zeit vergeht. Das sind wahre Glücksmomente. Drum sollte man viel öfter das tun, was einen glücklich macht, um immer mal wieder auf dem Seil zu tanzen und zu fühlen: Das bin ich und es ist gut, wie es ist!

*zit. nach: Alle Tage ein Gedicht, Aufbau Verlag, Berlin 2011.

Theodor Storm: Ein grünes Blatt

Theodor Storm (1817 – 1888)

Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man sich erinnern will oder Kraft für den Tag braucht

Ein Blatt, ein Stein, ein Tannzapfen, kleine Dinge am Wegesrand, die man als Erinnerung einsteckt und die einen später beim Betrachten zurück zu dem Moment bringen. Je mehr Sinne man in die Erinnerung hinein bringt, desto tiefer taucht man ein und kann in der Erinnerung einen Moment verweilen. Vielleicht auch Kraft schöpfen für den Tag.